Könnte die Ursache Ihres Tinnitus nicht Ihr Ohr, sondern Ihr Kiefergelenk sein?
Der orthopädische Kiefergelenk-Ansatz von Prof. Dr. Mehmet Oğuz Öztoprak
Wenn von Ohrgeräuschen, also Tinnitus, die Rede ist, denken die meisten Menschen zunächst an Erkrankungen des Ohres. In unserer klinischen Praxis begegnen wir jedoch häufig einem anderen Bild.
Tinnitus kann trotz unauffälliger Ohruntersuchungen weiterhin bestehen
Bei manchen Patienten;
sind die Ohruntersuchungen unauffällig.
wird in MRT-Aufnahmen kein ernsthaftes Problem festgestellt.
wurden verschiedene medikamentöse Behandlungen angewendet.
bestehen die Ohrgeräusche dennoch weiterhin.
An diesem Punkt gibt es eine wichtige Frage, die oft übersehen wird:
Liegt das Problem wirklich im Ohr, oder könnte es im Kiefergelenk liegen, das sich in unmittelbarer Nähe zum Ohr befindet?
Tinnitus kann eigentlich ein Warnsignal sein
Unser Körper teilt uns häufig über Symptome mit, dass etwas nicht richtig funktioniert.
Bei manchen Patienten ist Tinnitus nicht nur eine Beschwerde des Ohres, sondern kann ein Warnsignal für ein zugrunde liegendes funktionelles Problem sein.
Tinnitus kann das erste Zeichen einer größeren Dysbalance sein
Insbesondere bei Personen, deren Ohruntersuchungen unauffällig sind, die jedoch unter Zähneknirschen, Kieferschmerzen, Nackenproblemen oder Haltungsschäden leiden, kann Tinnitus manchmal als erstes Zeichen einer größeren biomechanischen Dysbalance auftreten.
Daher sollte Tinnitus nicht nur als ein Symptom betrachtet werden, das unterdrückt werden muss, sondern als ein wichtiger klinischer Hinweis, dessen Ursache untersucht werden sollte.
Das Kiefergelenk ist nicht nur ein Gelenk
Der traditionelle Ansatz betrachtet das Kiefergelenk lediglich als ein Gelenk, das den Mund öffnet und schließt.
Tatsächlich steht das Kiefergelenk jedoch in direkter Beziehung zu vielen Systemen.
Mit welchen Systemen steht das Kiefergelenk in Verbindung?
Das Kiefergelenk steht in direkter Beziehung zu:
dem Gleichgewicht des Schädels,
der Nackenhaltung,
der Ausrichtung der Wirbelsäule,
der Offenheit der Atemwege,
dem Kausystem,
dem Zahnkontakt, also der Okklusion.
Eine Störung in einem dieser Systeme kann im Laufe der Zeit auch die anderen Systeme beeinflussen.
Deshalb kann Tinnitus bei manchen Patienten tatsächlich kein Signal des Ohres, sondern ein Warnsignal des Kiefergelenksystems sein.
Was ist somatosensorischer Tinnitus?
Aktuelle Studien zeigen, dass einige Tinnitusfälle nicht nur mit dem Hörsystem, sondern auch mit sensorischen Reizen aus dem Kiefergelenk, den Kaumuskeln und dem Nackenbereich zusammenhängen können.
In der Literatur wird dieser Zustand als somatosensorischer Tinnitus bezeichnet.
Insbesondere wenn sich die Intensität des Tinnitus bei Kieferbewegungen verändert oder durch Nackenbewegungen zu- oder abnimmt, kann dies für Kliniker wichtige Hinweise liefern.
Bei manchen Patienten kann Tinnitus mit einer übermäßigen Belastung des Kiefergelenks zusammenhängen
Bei vielen Patienten, die wir in unserer Klinik untersuchen, stellen wir gemeinsame Befunde fest.
Befunde, die die Belastung des Kiefergelenks erhöhen können
Bei diesen Patienten wird häufig beobachtet, dass:
sich der Unterkiefer nicht in seiner idealen funktionellen Position befindet.
der Biss für das Gelenk nicht geeignet ist.
das Kiefergelenk eine höhere Belastung als normal trägt.
Diese Situation kann im Laufe der Jahre unterschiedliche Auswirkungen auf das Kiefergelenk und die umliegenden Gewebe haben.
Welche Probleme kann eine übermäßige Belastung verursachen?
Eine übermäßige Belastung des Kiefergelenks kann mit der Zeit zu Folgendem führen:
Druck auf die Gelenkscheibe,
Stress in den Gelenkgeweben,
übermäßige Aktivität der Kaumuskulatur,
Kompensationen in der Kopf- und Nackenmuskulatur.
Aufgrund der engen anatomischen Beziehung zwischen der Ohrregion und dem Kiefergelenk können diese mechanischen Belastungen bei manchen Patienten als Tinnitus, Druck- oder Völlegefühl im Ohr, Schwindel oder Gleichgewichtsprobleme auftreten.
Kiefergelenk, Wirbelsäule und Haltung sollten gemeinsam bewertet werden
Im Ansatz von Prof. Dr. Mehmet Oğuz Öztoprak wird das Kiefergelenk nicht nur als ein Problem innerhalb des Mundes betrachtet.
Denn der menschliche Körper besteht nicht aus Systemen, die unabhängig voneinander arbeiten.
Haltungsstörungen können das Kiefergelenk beeinflussen
Insbesondere;
eine nach vorne verlagerte Kopfhaltung, also Forward Head Posture,
eine Abflachung der Halswirbelsäule,
Schulterasymmetrien,
Skoliose,
Störungen der Wirbelsäulenausrichtung
können die Belastungen auf das Kiefergelenk verändern.
Bei manchen Patienten beeinflussen Ungleichgewichte in der Wirbelsäule die Kieferposition, während bei anderen Patienten Probleme im Biss die Kopf- und Nackenhaltung beeinflussen können.
Deshalb sollten bei Personen mit Tinnitus und Kiefergelenkbeschwerden nicht nur die Zähne, sondern auch die Haltung, die Wirbelsäule und das muskuloskelettale System bewertet werden.
Bei Bedarf können multidisziplinäre Behandlungen mit Fachärzten für Physiotherapie und Rehabilitation einen wichtigen Bestandteil der Therapie darstellen.
Der orthopädische Ansatz von Prof. Dr. Mehmet Oğuz Öztoprak
Wir beurteilen nicht jeden Patienten mit Tinnitus ausschließlich anhand der Beschwerde „Ohrgeräusch“.
Zunächst versuchen wir, die Beziehung zwischen Kiefergelenk, Okklusion, Haltung, Atemwegen und muskuloskelettalem System zu verstehen.
Welche Fragen werden im Bewertungsprozess gestellt?
In diesem Prozess werden Antworten auf folgende Fragen gesucht:
Befindet sich der Unterkiefer in der richtigen Position?
Ist die Belastung des Kiefergelenks ausgeglichen?
Belastet die Bissbeziehung das Gelenk?
Erhöht Zähneknirschen den Gelenkdruck?
Liegen eine Verengung der Atemwege und Schlafstörungen vor?
Wie beeinflussen Nacken- und Kopfhaltung das System?
Beeinflussen Wirbelsäule und Körperbalance das Kiefersystem?
Denn bei dieser Patientengruppe reicht es häufig nicht aus, sich nur auf das Ohr zu konzentrieren. Das Kiefersystem, das muskuloskelettale Gleichgewicht, die Atemwege und die okklusalen Beziehungen sollten gemeinsam bewertet werden.
Das Ziel der Behandlung ist nicht, den Tinnitus zu unterdrücken, sondern die zugrunde liegende Dysbalance zu untersuchen
Das Ziel der Behandlung besteht nicht nur darin, die Symptome zu verringern.
Das eigentliche Ziel ist es, das funktionelle Gleichgewicht zwischen Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Okklusionssystem neu zu bewerten, die biomechanischen Belastungen auf das Kiefergelenk zu reduzieren und einen Behandlungsplan zu erstellen, der den individuellen Bedürfnissen des Patienten entspricht.
Was bedeutet orthopädische Kieferposition?
Mit orthopädischer Kieferposition meinen wir die funktionelle Position, in der Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Zähne in der ausgewogensten und physiologischsten Beziehung miteinander arbeiten können.
Bei diesem Ansatz besteht das Ziel nicht nur darin, sich auf die aktuelle Beschwerde zu konzentrieren, sondern auch zu verstehen, warum das Kiefergelenksystem belastet wird.
Welche Ansätze können im Behandlungsplan enthalten sein?
Je nach Fall können gemeinsam geplant werden:
funktionelle orthopädische Behandlungen,
okklusale Ausgleichsmethoden,
kieferorthopädische Behandlungen,
transparente Aligner-Anwendungen,
Rehabilitation des Kiefergelenks,
atemwegsorientierte Behandlungen,
Haltungs- und Wirbelsäulenrehabilitation.
Wenn die Belastung des Kiefergelenks abnimmt und das System ausgeglichener zu funktionieren beginnt, kann bei einigen Patienten eine Verringerung der Tinnitusintensität und eine Verbesserung der Lebensqualität beobachtet werden.
Nicht jeder Tinnitus entsteht durch das Kiefergelenk
Natürlich ist das Kiefergelenk nicht die einzige Ursache von Tinnitus.
Ohrerkrankungen, neurologische Probleme, Gefäßerkrankungen und andere systemische Ursachen müssen unbedingt untersucht werden.
Bei welchen Patienten sollte das Kiefergelenk bewertet werden?
Besonders bei Personen, die:
mit den Zähnen knirschen,
Geräusche aus dem Kiefergelenk wahrnehmen,
morgens Kiefermüdigkeit verspüren,
Kopf- und Nackenschmerzen haben,
Haltungsstörungen aufweisen,
unauffällige Ohruntersuchungen haben,
sollten das Kiefergelenk und das Okklusionssystem unbedingt bewertet werden.
Fazit
Tinnitus kann manchmal kein Signal des Ohres, sondern ein Hilferuf des Kiefergelenksystems sein.
Ein moderner Ansatz erfordert, nicht nur das Ohr zu betrachten, sondern auch Kiefergelenk, Bissbeziehungen, orthopädische Kieferposition, Muskelsystem, Wirbelsäule, Haltung und Atemwege gemeinsam zu bewerten.
In unserer Klinik besteht das Ziel nicht nur darin, Symptome zu unterdrücken, sondern den Patienten ganzheitlich zu beurteilen und die Beziehung zwischen Kiefergelenk, Okklusion, Atemwegen, Haltung und muskuloskelettalem System zu verstehen.
Denn manchmal ist nicht der Tinnitus selbst zu behandeln, sondern die biomechanische Dysbalance, die den Tinnitus verursacht.